GRÜNDUNGSGESCHICHTE 2018-04-11T16:01:45+00:00

GRÜNDUNGSGESCHICHTE

Ein Toast auf die Freiheit

Am Anfang von Amnesty International steht ein Trinkspruch: Zwei portugiesische Studenten stoßen in einem Café in Lissabon auf die Freiheit an. Doch in den Sechzigerjahren herrscht in Portugal eine Diktatur, die keine Kritik duldet – die Erwähnung des Wortes „Freiheit“ ist verboten. Die zwei Studenten werden festgenommen und später zu sieben Jahren Haft verurteilt.

„Wenn eine einzelne Person protestiert, bewirkt das nur wenig, aber wenn es viele Leute gleichzeitig tun würden, könnte es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen“.

Am 28. Mai 1961 veröffentlicht er in der Zeitung „The Observer“ den Artikel „The Forgotten Prisoners“, der mit den Worten beginnt: „Schlagen Sie Ihre Zeitung an irgendeinem beliebigen Tag auf, und Sie werden eine Meldung aus irgendeinem Teil der Welt lesen: Ein Mensch ist eingekerkert, gefoltert, hingerichtet worden, weil seine Ansichten oder religiösen Überzeugungen nicht mit denen der Regierung übereinstimmen.“ Benenson fordert die Leserinnen und Leser auf, mit Appellschreiben öffentlichen Druck auf die Regierungen zu machen und von ihnen die Freilassung politischer Gefangener zu fordern. Dieser „Appeal for Amnesty“ ist der Beginn von Amnesty International.

Ein Toast auf die Freiheit / Artikel von Peter Benenson im „Observer“ vom 28. Mai 1961 / © Guardian News and Media Limited

Die Resonanz ist überwältigend. 30 große Zeitungen in verschiedenen Ländern drucken den Artikel nach. Allein in den ersten Wochen melden sich mehr als Tausend interessierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Im Juli 1961 wird beschlossen, die ursprünglich auf ein Jahr angelegte internationale Kampagne in eine feste Organisation zu verwandeln. Am Ende des Jahres gibt es Sektionen in West-Deutschland, Großbritannien, Irland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Schweden, Norwegen, Australien und den USA. Im September 1962 wird auf dem internationalen Treffen in Brügge endgültig der Name „Amnesty International“ für die noch junge Organisation festgelegt.

Heute ist Amnesty eine weltweite Bewegung, die in über 150 Ländern vertreten ist. Über sieben Millionen Mitglieder, Unterstützerinnen und Unterstützer sowie Aktivistinnen und Aktivisten setzen sich dafür ein, dass auch 50 Jahre nach Benensons Appell die politischen Gefangenen dieser Welt nicht vergessen werden.

 

Licht ins Dunkel

Über den Amnesty-Gründer Peter Benenson

Gewöhnliche Menschen können Außergewöhnliches bewirken. Davon war Peter Benenson überzeugt, als er 1961 Amnesty International gründete. Der am 31. Juli 1921 in London geborene Anwalt und Politiker der Labour Partei kämpfte schon in jungen Jahren für die Menschenrechte. Er engagierte sich für die Adoption von Waisenkindern, die dem Spanischen Bürgerkrieg entkommen waren, und für die Rettung jüdischer Flüchtlinge, die vor dem Naziregime nach England flüchteten. Später war er für die „Society of Labour Lawyers“ als Prozessbeobachter tätig.

Er war zudem Mitbegründer der Organisation „Justice“ und einer Gesellschaft für Menschen mit Zöliakie (Erkrankung der Dünndarmschleimhaut), einer Krankheit, unter der er selbst gelitten hat.

In den ersten Jahren von Amnesty International war Benenson in allen Bereichen der Organisation tätig. So kümmerte er sich beispielsweise aktiv um die Beschaffung eines Großteils der Finanzmittel für die Bewegung und nahm an zahlreichen Ermittlungsreisen zu Menschenrechtsverletzungen teil. Seinem visionären Engagement ist es zu verdanken, dass aus Amnesty die größte Menschenrechtsbewegung der Welt wurde. Doch Benenson blieb stets bescheiden:

„Ich möchte nicht, dass man mich mit einem Heiligenschein umgibt. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Bürger, mit all seinen Fehlern.”

Auf die Gründung von Amnesty angesprochen, erklärte er einmal: „Früher lagen die Konzentrationslager und Höllenlöcher der Welt in Dunkelheit. Nun sind sie von der Amnesty-Kerze erleuchtet. Die Kerze im Stacheldraht. Als ich die Kerze das erste Mal anzündete, hatte ich ein altes chinesisches Sprichwort im Kopf: ,Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.’“ Peter Benenson starb am späten Abend des 25. Februar 2005 in Oxford an einer Lungenentzündung. Doch die von ihm angezündete Kerze brennt heute noch.